Böse Konzerne in Dritte-Welt-Ländern

Die Sicht auf einem hohen Ross im Westen wirkt denkbar einfach. „Böse Konzerne, beuten arme Länder aus – die sollten mal netter sein!“ und gehen danach beim Discounter einkaufen, um sich dennoch die nächsten Designer-Waren zu kaufen.  

Zuletzt sah ich einen Artikel im Spiegel über Leihmutterschaft in Indien. 6000€ verdient eine Leihmutter dort plus gesundheitliche Versorgung und mehr. Wahrscheinlich mehr als sie durch normale Umstände je verdienen könnte. Die Kommentatoren finden es aber nicht gut – man solle direkt die Finger davon lassen, die Frauen könnten Nebenwirkungen kriegen etc. Und überhaupt sollte es dort Menschenrechte, bessere medizinische Versorgung, bessere Gehälter etc. geben. Woher? Na ja, so wie bei uns: Vom Himmel fallend. 

Ein Kommentar war in meinen Augen eigentlich genau das, was ich dachte:
 

4. Unreflektiertes Geblubber
matthias_b. heute, 10:35 Uhr
Das pro-Kopf-Einkommen liegt laut auswärtigem Amt bei 1000 Euro pro Jahr. Die Frauen verdienen also in einem Jahr sechs Mal so viel wie ein durchschnittlicher Inder, entsprechend ungefähr 200.000 Euro hier. Wenn das mal kein gutes Geschäft ist. Gesundheitliche Schäden und Komplikationen gibt’s auch aufm Bau für nen Hungerlohn.

Vielfach hört man „arme Frauen, Ausnutzung etc.“, einfach, weil wir es uns auf unserem hohen Ross nicht vorstellen könnten, so etwas einzugehen. Die wenigsten merken, dass sich diese Frauen freuen, weil sie nicht mehr schuften und am Existenzminimum samt Hunger und ohne Dach überm Kopf leben müssen. Für sie ist es eine Chance, ein Jahr lang satt zu sein, gesundheitlich umsorgt zu werden und danach finanziell für die nächsten Jahre auskommen zu können – mit normalen Jobs hätten sie das dort nicht erreicht, hätten danach gar kaputte Hände, Schlafmangel, Mangelernährung, Erschöpfung etc. – samt Arbeitsunfällen, für die selten jemand aufkommt.

Inder in New Delhi
by
Padmanaba01 | CC 2.0 by-sa

Falsch verstandene Mitarbeiter

Solche Kommentare über Ausplünderung kommen selbstverständlich von Westlichen, die den Luxus haben, Nebenwirkungen als Grund sehen zu können, nichts eingehen zu müssen.
Es ist wie das Meckern über Firmen, die billig in Afrika und Indien produzieren. Die Arbeiter hassen sie nicht dafür sondern lieben sie, einfach weil sie sonst gar keine Chance auf ein Leben hätten. Diese Menschen ackern lieber für einen Hungerlohn als dass gar keine Firma existiert und sie verhungern müssen. Diese Menschen wären wütend, wenn Firmen mit miesen Arbeitsbedingungen aus Menschenrechtsgründen abziehen müssten, denn dann hätten sie gar keinen Lebensunterhalt mehr.
Viele verstehen nicht, dass diese bösen Firmen, die wie jeder Mensch auf der Welt auf Lohnenswertigkeit achten, eigentlich ein Segen für die Menschen dort sind – so abwegig sich das für uns auch anhört. In den Ländern ist man nicht auf einem Stand, wählen zu können, welche Arbeitsbedingungen besser sind, sondern ob sie arm leben wollen oder direkt sterben.

Wie man wirklich etwas tun kann

Ich sage nicht, dass es fehl am Platz sei, Firmen zu kritisieren, aber dass Empörung vor dem PC diesen Menschen dort nicht wirklich etwas bringt. Wenn Personen aus dem Westen den armen Leuten dort wirklich helfen wollen, sollten sie Fair Trade-Produkte kaufen. Wenn sich das ausbreitet, dann können Fair Trade-Firmen expandieren und die Zustände dort bessern. 
Das ist viel besser als einfach nur Firmen anzumeckern, die den Leuten zwar miese, aber immerhin irgendwelche Chancen zum Leben geben. Man kann auch selbst eine Firma gründen, die die Umstände bessert – aber so weit gehen wir aus Bequemlichkeit auch nicht.

Wie kann man so vieles so selbstverständlich sehen? Menschenrechte samt wirtschaftlichen Faktoren und Sozialhilfestellen fallen nicht vom Himmel, sondern sind Luxus. Diese Menschen dort leben auf diese Weise, weil sie es sich nicht leisten können, Menschenrechte zu haben. 
Die Anfeindungen und die Anwiderung vorm PC bringen kaum etwas. Es ist wie das Facebook-liken. Kurzlebig, trendabhängig und schnell vergessen.

  • ominensis

    ich sehe das etwas anders. Man muß diese Firmen auf jeden Fall kritisieren, da sie in diese Länder gehen, um Menschen auszubeuten. Den Menschen dort geht es auch nicht gut, oft sterben sie früh oder werden krank (dort gibt es kaum gesundheitliche Vorschriften am Arbeitsplatz). Ich denke, am besten wäre es wenn die Menschen dort lernen für sich selbst zu sorgen und von ihrem Land zu leben. Die Politik muß sich ebenfalls ändern, sowohl dort als auch in den Ländern, die dort Einfluß ausüben. Dieser Fair-Trade Kram ist auch nur eine Modeerscheinung und kein Mensch garantiert dir, daß das Geld auch bei denen ankommt für die es bestimmt ist. Es wird einem WIEDER nur etwas vorgegaukelt womit man sein Gewissen beruhigen kann.

    • Weltenspur

      Wenn die von dir erwähnten Firmen diese Menschen nicht ausbeuten würden, könnten sie keine Discounter-Preise mehr anbieten und würden vielfach im Vergleich zur Discounter-Konkurrenz pleitegehen – und zwar aus unserem billig-Preis-Verhalten heraus, das wir als Konsumenten primär anvisieren.

      Ein angesehener Fair Trade-Händler könnte sich bei einer Lüge kaum ein paar Wochen auf dem Markt halten, da der nächstbeste Journalist oder Blogger durch die Lüge schnell das Gesamtkonzept der Firma zerstören könnte. Dann gäbe es keine Rechtfertigung für die höheren Preise mehr und die Firmen würden gnadenlos in Anbetracht der fähigeren Fair Trade-Konkurrenz pleitegehen.

      Alles auf die Politik der Länder und aufs Interne zu verschieben untergräbt den Großteil dieser Problemursachen. Das ist so weit weg, da fühlt man sich als Erste-Welt-Discount-Preis-Käufer nicht mehr beteiligt. Dabei sind wir als Konsumenten stark daran beteiligt, warum sich diese Systeme, wie sie heute dort existieren, so rausgebildet haben, wie sie sind.

  • Nikopol

    Und was ist mit der vohergeangen Exportp7Importolitik der Industrinationen die vorhandene Wirtschaftskreisläufe in den Entwicklungsländern erst zerstört um dann gnädig mit Aubeutungsbetrieben wenigstens eingen wenigen etwas zu geben ? Du singst hier Hymnen des Kapitalismus . Der Konsument ist genauso Opfer einer sozialdarwinistischen Idee wie die augebeuteten in armen Regionen . Auch zeigst du genauso nur mit erhobenem Finger auf Schuldige wie der empörte Luxusweltverbesserer hinter seinem Pc und bennest nicht Ursache und Wirkung .

    • Weltenspur

      Das Konzept meines Beitrags kam wohl nicht so ganz rüber.

      Die Sache ist die: Kein Konzern kann ohne Konsumenten überleben. Diese Konzerne und Wirtschaftsläufe gäbe es ohne unsere Beteiligung nicht (und besonders nicht in der Form wie sie sind). Wir wählen nun einmal Billigware aus dem Ausland statt die Binnenwirtschaft zu unterstützen oder auf Firmen zu achten, die bessere Bedingungen anbieten. Mir geht es hier nicht um jene, die sowieso am Existenzminimum leben und sich daher nur diese Billigwaren leisten können, sondern um jene, die sich Waren mit „freundlicherem“ Hintergrund leisten könnten. Es geht mir auch nicht um Verschmähung, sondern um das Aufzeigen weiterer Optionen, die man vergisst, aber mit denen man in kleinen Schritten dennoch Veränderung erzielen kann.
      Wir im Westen sind keine hilflosen Opfer, sondern nehmen selbst kleine Optionen, die in größerer Anzahl einiges bewirken könnten, einfach viel zu selten wahr – und das nicht selten deshalb, weil wir sie vergessen.

      Von einer Revolution und tieferen Hintergründen brauche ich gar nicht zu reden – hier haben wir entweder ohnehin als einzelne Person zu wenig Einfluss darauf oder wir wollen zu große Sprünge auf unsere Kosten ohnehin nicht – denn das würde zwangsweise eine Preiserhöhung für alle bedeuten. Daher bleibt das Appellieren an die Freiwilligkeit, zumindest dem Ganzen einen Schub zu geben, den man selbst noch erfassen kann.
      Es geht mir darum, an realistische Dinge ranzugehen. Das ist hilfreicher als sich aus gedanklicher Überforderung komplett abzuwenden.
      Wann hat Systemkritik zum eigenen Nachteil schon gefruchtet? Man ist eine Minute lang erschrocken, empört, weiß nicht so recht, was man damit anfangen soll und wendet sich ab, weil man ein eigenes Leben hat – und das ist nachvollziehbar, so dürfte es ohnehin den meisten gehen. Systeme und Kulturen sind meist zu fern/komplex/diffus/abstrakt/ mühselig, um direkt mitzuwirken/mitwirken zu wollen. Und ich nehme mich da nicht aus. Es geht mir in diesem Beitrag schlicht um näherliegende Situationsbezüge.

    • Weltenspur

      Reine Systemkritik ist sehr oft Zeitverschwendung. Das dürfte so gut wie nie Leute aus dem Westen dazu bringen, irgendwas zu tun. Einfach, weil wir Nutznießer davon sind.
      Systemkritik ist zudem zu abstrakt, um sich danach verantwortlich zu fühlen – auch wenn man der Grund dafür ist, warum das System aufrecht erhalten wird.
      Wenn du ein abstraktes System kritisierst, hast du keinen klaren Feind/persönlichen Eingriffspunkt – und damit den perfekten Weg, sich nicht beteiligt zu fühlen. Anders, wenn man mitten eingeflochten ist und es endlich bemerkt – plus Methoden, zu denen man Bezug hat, ohne dass sie einem zu nahe treten.
      Seien wir mal ehrlich: Von all den Systemkritikern würden 99% abspringen, wenn sie wüssten, was eine Systemänderung für SIE bedeuten würde. SO altruistisch ist in der Regel fast niemand. Die 1% wären wahrscheinlich hauptsächlich verzweifelte Masochisten, denen der eigene Lebensstil zu wenig bedeuten würde, um ihn aufrecht zu erhalten oder die ohnehin die Welt verzweifelt prinzipiell umgewälzt sehen wollen. Extrem wenige würden ihren Lebensstil aus Nächstenliebe für eine Systemänderung aufgeben. Das sind normale Schutzreaktionen und simpelste Psychologie.

      Ein schlechtes Gewissen hilft zudem auch wenig. Wenn sich etwas schlecht anfühlt (z.B. Schockbilder), liegt es allein schon biologisch nah, sich davon abzuwenden. Das, was wirkt, sind keine zu stark wahrnehmbaren Verstellungen, die dafür aber in den Alltag einbaubar sind und für einen persönlich nachvollziehbare Früchte ausmachen.
      Wenn man an Personen spendet, bestehen z.B. auch die Gewissensbisse und Ängste, was man tun sollte, wenn man das Spenden beenden will. Man hat Angst, sich durchs eigene Gewissen sein Leben lang dazu verpflichtet zu fühlen, das fortzusetzen. Kriegt man traurige Briefe danach? Wie wird sich die Person danach fühlen? Man fühlt sich eingebaut, eingeklingt, verantwortlich. Das geht vielen zu nahe. Allgemeine Spenden sind einem dann wieder zu diffus, unbekannte Empfänger.
      Am Lohn von Arbeitern beteiligt zu sein, ist hingegen mit einem viel besseren Gefühl vereinbar und realistischer. Man kann stets anonym wählen, ob man entsprechende Ware kauft oder nicht. Zudem erhält man viel eher das Gefühl, fleißige Personen entlohnt zu haben, Arbeitsbedingungen etwas gebessert zu haben und auch selbst dafür etwas zu kriegen. Ich finde dieses Konzept ziemlich gut. Es geht zumeist aber unter – daher ist Anstupsen nicht schlecht.

      Der Rest meines Artikels bezog sich zudem auf meine Kritik bezgl. den viel zu weltfremden Vorstellungen vieler Personen. Wir können nicht mit unserem Maß an solchen Orten messen. So lange das viele aber weiterhin so betrachten, dürfte der Sprung auch zu groß sein, realistischer an die Sachen ranzugehen.

      • Nikopol

        Naja ich glaube eher das wenn die Bildzeitung morgen früh zur Revolution gegen das Kapitalistische Sytsem aufrufen würde , wir noch am selben abend die Revolution hätten

  • Nikopol

    Ich muss sagen ich habe versucht dich ein bischen zu Trollen .

    Aber jetzt mal wirklich was zum Konzept deines Beitrages . Soweit ich das verstehe versuchst du an die Vernunft zu appelieren . Das ist aber meiner Meinung nach Sinnlos , da du es mit einer Masse von Menschen (dem Kosumenten) zu tun hast und diese lassen sich leider nicht von Vernunft und Argumenten beeinflussen sondern nur von Bildern und Emotionen . Es ist die eine Sache sich analytisch mit etwas zu befassen und folgerichtige Erkenntnisse zu gewinnen , aber die Erkenntnise in den Köpfen der Masse zu verankern bedarf es einem gläubigem Anhänger dieser Erkenntnis . Wie du schon reeichtig bemerkt hast haben die Menschen ihr eigenes Leben mit ihren eigenen kleinen Problemen und einfach nicht die Zeit und/oder nicht den Willen sich mit Komplexen zusammenhängen und den Folgen ihres Handelns auseinader zu setzen . Wenn sie also eine Idee oder überzeugung annehmen liegt es nur an dem Überbringer der Botschaft (Sympathie ist hier auschlaggebend) ob sie sich diese zu eigen machen oder nicht .